07.11. in Bautzen: Poesiekonzert- Die fortschreitende Begradigung des Flusses

20 Jahre nach dem Mauerfall zeigt das 21. Bautzener Poesiekonzert im Rahmen der Reihe “20 Jahre Friedliche Revolution”  am 07.11. Lyrik der DDR und Auszüge aus den Protokollen von Zeitzeugen während des Mauerfalls. Original Songs aus 40 Jahren DDR Musik und Projektionen von Fotos aus der Zeit begleiten diese.

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Das Poesiekonzert nähert sich auf verschiedenen Ebenen der Sehnsucht nach Veränderung, nach einer anderen, besseren und freieren Gesellschaft. Die ausgewählten Gedichte spiegeln diese Stimmung und zeigen die Zweifel am gesellschaftlichen Zustand. Der Schwerpunkt der Musik liegt auf dem lyrischen Potential des Rock. Die Songs von Gruppen wie Renft, Hansi Biebl-Blues-Band, electra oder Bayon mit ihrem kritisch-utopischen Ansatz oder ihren melancholischen Texten über alltägliche Momente, ergänzen die Gedichte auf musikalischer Ebene. Text und Musik ergeben eine Gedanken- und Klangwelt, eine Collage der Zeit vor der Wende. Dazwischen, realistisch und dokumentarisch, die Texte aus Zeitzeugenprotokollen von 1989.

Idee, Konzeption, Leitung und Ausführung:
Malah Helman
Andreas Hennig

Foto:
Frank,
Matthias Weber

Sprecher:
Malah Helman (Gedichte)
Ralph Hensel (Zeitzeugenprotokolle)

DJ:
Thomas Gust

07.11.09     19.30 Uhr     Sorbisches Museum Bautzen

Im Spannungsfeld von Befreiung und Entfremdung stehend, erzählt die DDR-Lyrik von Desillusionen und Träumen, von gesellschaftlichen und persönlichen Prozessen, die mitunter an Aktualität und Bedeutung nicht verloren haben. Günter Kunert positioniert die Lyrik in der „Zwickmühle zwischen weltweitem Desinteresse und weltweiter Bevormundung”. Die Auflagen und Forderungen führten zunehmend zu Differenzen mit den Autoren, die Instrumentalisierung und Reglementierung zu Zwecken der Parteipropaganda und eine zunehmende Bevormundung befürchteten. Die verstärkte Betonung der Subjektivität wurde die Voraussetzung für die kritische Weltbefragung, die die AutorInnen der neuen Generation nach 1960 auszeichnet. Klopstock, Hölderlin, Heine, Kafka und Brecht waren die Lehrmeister. Es ging nicht darum, den Sozialismus zu dekretieren. Eine Gesellschaft, die sich wie der Westen im Wesentlichen über Geld, Konkurrenz und Macht definiert, wurde von den wenigsten als eine Alternative betrachtet. Das XI. Plenum des ZK der SED 1965, ursprünglich als Wirtschaftsplenum konzipierter Gipfel, entwickelte sich zu einer „Kahlschlag-Diskussion“ der Jugend- und Kulturpolitik. Im Mittelpunkt der Anklage standen die Künstler der DDR, die sich der Planbarkeit, der Ökonomisierung, der Technikeuphorie und Naturausbeutung verweigerten. Die Parteifunktionäre wiederum warfen den Kreativen bourgeoise Verhaltensweisen, „Nihilismus“, „Skeptizismus“ und „Pornographie“ etc. vor. Das Plenum hatte einschneidende Wirkungen auf die Kulturszene. Es wurden zahlreiche Filme, Theaterstücke, Bücher und Musikgruppen verboten, Kulturschaffende verhaftet und bedroht. In der Folge verließen KünstlerInnen die DDR oder wurden ausgebürgert.

Peter Geist betrachtet in seinem Nachwort die Lyrik der 70er/80er Jahre (Ein Molotow-Cocktail auf fremder Bettkante, 1991) als Befreiung aus Vormundschaften und Suche („Unterwegs nach Utopia / wo keiner lebend hingelangt/ wo nur Sehnsucht / überwintert; das Gedicht bloß gewahrt / was hinter den Horizonten verschwindet / etwas wie wahres Lieben und Sterben“; Günter Kunert). Das Gedicht ist ein Sensor, der wahrnimmt, erspürt und befragt. Harald Gerlach beschreibt in seinem Gedicht „Interieur, anarchisch“ den allgemeinen Zustand: „Ohne Tritt in der Dämmerung, gardegrau, / die gealterten Revolutionen, übermüdet, irren / nach ihren Inhalten. Ein Molotow-Cocktail / auf fremder Bettkante, im Nacken die / abgeschriebene Frage WERWEN, in heißer Scham / vergraben, Vorhaut der Klasse, tremoliert / Urintervalle über depressivem Ostinato“.

Die Literatur der 80er/90er Jahre spiegelt das neue Bewußtsein im Zeichen der „automatisierten und anonymisierten Vollzüge“ (Peter Geist). Die nachfolgende Generation setzte von vornherein wenig Hoffnung in Staat und Gesellschaft und kartographiert in ihren Gedichten die eigene Befindlichkeit, die vom Außen unterbrochen wird: Gefühle, Gedanken wechseln mit Zitatfetzen, Sprechstörungen, Wahrnehmungssplittern. Sie stellt die Sinnfrage und ihr Fazit lautet: „Glauben ersetz ich nicht mit weiterem Glauben“ (Uwe Kolbe). Dies erforderte eine Neunutzung der Sprache. Der Ausgangspunkt war, wie Peter Geist schrieb, eine Konstruktion, das Ergebnis eine De-Konstruktion. Die Sprache stand mitunter im Zentrum des Gesagten, sie wendete und verdrehte sich im Bewusstsein des formalgesellschaftlichen Gefangenseins. Kito Lorenc beschreibt es als „das Gefühl nicht-mehr-so-schreiben zu können“, wie noch in den sechziger Jahren. „Ich merkte, daß ich mich zunehmend rieb an der Sprache der Massenmedien und an vorherrschenden öffentlichen Sprachregelungen“ (im Interview mit Marie-Luise de Wajer-Wilke, 1983). „.. Sie schreiben, um zu leben“, und haben nicht etwa, wie man angesichts ihrer Aussteigerlebensläufe denken könnte, „auf alles verzichtet, weil sie sich der Literatur verschrieben haben.“ Es war weniger ein Verzicht und mehr eine freie Wahl, was sie dazu gebracht hat, den „Aufstiegschancen“ den Rücken zu kehren. Es war unmöglich, die Aufstiegschancen wahrzunehmen und es wurde notwendig, die Chancen für das zu suchen, was nicht Aufstieg, sondern Leben heißt. … Kapitulation vor der Realität? .. Man könnte also ebenso gut oder schlecht sagen, „die Realität habe versagt.“ (Elke Erb in „Berührung ist nur eine Randerscheinung“). Die häufig in Berlin lebenden AutorIinnen begegneten der Nicht-Veröffentlichung, indem sie die bisherigen Verabredungen im Kulturbetrieb umgingen (Sascha Anderson: Die DDR als Gebilde interessiere ihn nicht. Er akzeptiere sie lediglich als Landschaft, in der er zu leben gezwungen sei. (aus: Edwin Kratschmer, Dichter, Diener, Dissidenten)) und selbst Lyrikeditionen veröffentlichten und eigene Zeitschriften herausgaben, Lesungen in Wohnungen oder im Wald organisierten. Sie arbeiteten gemeinsam mit MalerInnen, MusikerInnen, spielten in Bands oder in freien Theatergruppen.

Vielleicht beschreibt das Adjektiv „existenziell“ die Lyrik der DDR am besten: „Aber Beischlaf findend, hoffen wir Liebe. / Gras redend, träumen wir Stein. / Immer sind wir weiter / Als gewusst wird. Leuchtender Staub: / Krönt uns die Nacht.“ (Richard Pietraß).

20 Jahre nach der Wende erscheinen die Gedichte auf seltsame Art immer noch aktuell. Und so steht sie vielleicht noch aus, die Gedankenwende, die Sinnesänderung, der Systemwechsel, eine neue Gesellschaft, gemeinsam gestaltet…

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4 Kommentare zu „07.11. in Bautzen: Poesiekonzert- Die fortschreitende Begradigung des Flusses“

  1. Malah Helman sagt:

    Herzlichen Dank an das interessierte und aufmerksame Publikum, noch nie habe ich einen Applaus schon vorher bekommen… Ein großes Dankeschön auch an Andreas Hennig vom Kulturamt, der ungewöhnlichen Themen und unbekannten Künstlern einen Raum gibt!… eine Seltenheit heutzutage ….

  2. Puppenspielerin sagt:

    gut gemacht!… eine mädchenhafte aber schöne gereifte und ausdruckstarke stimme…

  3. J. Metz sagt:

    Ein geschrieenes Gedicht, Inseln aus Worten und Klang. Sensible Auswahl von Gedichten uns Musik, sehr gute, inspirierende Gestaltung und anregende Interpretation, kein äußerliches Pathos oder Eitelkeiten, in der Schlichheit lag die Kraft, eine auf Inhalt gerichtete Form und eine gute Performance. Im Rückblick auf die Geschichte ein Blick auf die Gegenwart. In allem ein ungewöhnlicher Abend.

  4. [...] freu mich auf die Zusammenarbeit mit Thomas Gust, wo das Schauspielerin-DJ Experiment des genialen Bautzeners Poesie Konzerts endlich seine langersehnte Fortsetzung findet. Der gesellschaftliche Realismus der Tage  schreit [...]

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