Secret Service

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Secret Service, Tanztheater, Choreographie: Felix Ruckert, Tourneen 2002 bis 2007
Tanz durch Raum und Zeit: In Felix Ruckerts “Secret Service”, derzeit zu Gast im Rahmen der Kampnagel-Reihe “Reiß mich auf!”, schafft die Tänzer-Zuschauer-Interaktion neue Erlebnisräume. Frühes Erscheinen ist ratsam. Ansonsten kann es passieren, dass man zwei Stunden wartet, bis die zuvor gezogene Nummer in roter Leuchtschrift auf dem Digitalanzeiger erscheint und den Zutritt ins Leiblabor der Sinnlichkeit gewährt. Der Berliner Choreograph Felix Ruckert ist nach langer Zeit wieder in der Stadt. Und spätestens seit seinem Erfolg mit Hautnah!, der Eins-zu-eins-Begegnung von Tänzer und Zuschauer auf engem Raum, mit der er 1996 auf Kampnagel gastierte, gelten seine Inszenierungen nicht nur in der Tanzszene als Kult. Die Grenzen zwischen Darstellern und Publikum fordert er heraus, radikal und konsequent. Mit Secret Service, derzeit zu Gast im Rahmen des Kampnagel-Themenblocks “Reiß mich auf!”, hat er nun zum ersten Mal den tänzerischen Kontext überschritten. Teilweise zumindest. Auch wenn es vielleicht angehen mag, die gezielten Körperreizungen ebenfalls als Tanz auf der nackten Haut zu interpretieren. Und schon deshalb ist eine frühe Startnummer ratsam. Um nämlich überhaupt noch eine Chance zu haben, an die Reihe zu kommen, wenn man nach einer weitgehend funktionalen  Bewegungserfahrung Lust verspürt, in erotische Zonen vorzustoßen. Betriebsamkeit wie auf einem Bahnhof herrscht derweil im Kampnagel-Foyer. Aufgeregte Stimmung unter den Wartenden, ein entrücktes Lächeln auf den Gesichtern derer, die wieder aus der Tür treten. Doch gibt es inmitten der Hektik einen Zufluchtsort. In Katharina Oberliks Showroom wird der Mensch zum Ausstellungsobjekt und darf dabei dennoch zwölf Minuten der Abgeschiedenheit in dem gläsernen Kasten der Hamburger Künstlerin genießen. Das Schauen ist dagegen in Ruckerts Secret Service untersagt. Die Zeremoniemeisterin, ein elfengleiches Wesen, kniet in asiatisch anmutender Ehrerbietung am Boden, flüstert einem die Regeln zu, legt dann jedem eine schwarze Binde um die Augen. Die Griffe an Armen und Schultern werden fester. Ein gegenseitiges Führen, Abstoßen, Ranziehen – zuerst langsam, dann schneller – ein Tanz durch Raum und Zeit beginnt. Mit gekonntem Dreh wird man auf den Boden gelegt, auf einen wolligen Teppich. Wieder auf den Füßen, drängt jemand zum Rennen. Bilder werden wach, von einer Flucht durch Straßenschluchten, getrieben dicht an dicht, von einer Ecke zur nächsten. Filmriss. Abgestellt auf einem Stuhl findet man sich wieder, allein. Von Ferne ist ein rhythmisches Klatschen zu hören. Es muss die Peitsche sein. Auch unsichtbar trägt die Anwesenheit dieser Masse an sinnlich und auch sexuell stimulierenden Reizen zur Aufladung der Atmosphäre bei. Secret Service wirkt als eine ausgeklügelte Gesamtinszenierung, angefangen beim Behördennummernzähler über Empfang und eigens komponierte Musik bis zum choreographierten Parcours, bei dem man durch die Hände von zwölf Tänzern geht. Ein Ritual, bei dem Phantasie und Sinne ihre ureigene, innere Erlebniswelt zusammenbrauen. Die Luft scheint hier drinnen irgendwie dicker, in der Anonymität aber auch schützender. Christian Meyers elektronische Soundkomposition öffnet zusätzliche Dimensionen, trägt und treibt und drückt mitunter enervierend auf den Puls.
Grenzüberschreitung, radikal, TAZ Hamburg, 23.11.02, MARGA WOLFF


Enttabuisierung intimer Berührungen im Rahmen der jetzt startenden Reihe “Reiß mich auf”: Felix Ruckerts “Secret Service” auf Kampnagel will die mitspielenden, nicht sehenden Zuschauer in Schmerz und Lust hineintanzen Sein größter Erfolg war der Brief einer 64-jährigen Dame: “Lieber Felix Ruckert, nach dem gemeinsamen Besuch Ihrer Vorstellung, die uns sehr bewegte, hatten mein Gatte und ich zum ersten Mal seit 15 Jahren wieder Sex miteinander. Und – ich erlebte den ersten Orgasmus meines Lebens.” Ein Abend im Theater, der das Leben veränderte. Derjenige, der den Beweis dafür erbrachte, heißt Felix Ruckert, geboren 1959, Berliner Choreograph und Tänzer, dessen neueste Produktion Secret Service im “Reiß mich auf”-Programm auf Kampnagel die Grenze zwischen TänzerInnen und ZuschauerInnen aufbrechen wird. “Leiblabor” nennt er die Zuschauerkörper, die aktiver Bestandteil, wenn nicht Hauptakteur des Stückes  sind: “Keine Kunst. Kein Geschwätz. Dieses Stück wird Sie berühren. Zärtlich. Lustvoll. Direkt.” Was aus Berlin, wo Secret Service im Februar Premiere hatte, zu hören ist, verspricht einen einzigartigen Theaterabend. Dem Besucher werden die Augen verbunden, und mit dem Augenlicht gibt er auch die Verantwortung für das Geschehen und die ersten Kleiderstücke ab: Socken und Schuhe. Hautnah und mit unerwarteten Berührungen und Bewegungen spielt das Stück zwei Stunden lang mit dem größten menschlichen Organ: der Haut. Streicheln, Pieksen und Schweben ist da genauso zu erwarten, wie an den nackten Leib und Schweiß eines Fremden gepresst zu werden. Die “Zuschauer” werden von Ruckerts Ensemble in Lust und Schmerz “getanzt” – sensorisch verstärkt durch den erzwungenen Einsatz der vernachlässigten Sinne Geruch, Gehör und Kinästhesie.  In einem zweiten Teil werden dem “Zuschauer” zusätzlich die Hände gefesselt. Berührungen, allemal unter Unbekannten, sind hierzulande kodiert und reglementiert. In Fahrstühlen und Bussen wird intuitiv Mindestabstand gehalten. An den Arm fassen, Küsschen links, Küsschen rechts gelten gemeinhin schon als südländisch-temperamentvoll. Intimere Berührungen sind bereits sexuell konnotiert. Felix Ruckerts Geheimdienst dringt daher tief unter die natürliche Schutzhülle des Menschen. Eine gravierende Irritation, ein Angriff auf die Persönlichkeit und die letzte Instanz des Ichs: den Körper. Aber auch ein geheimer Dienst am Menschen, der sich vom restriktiven Verhaltenskodex unter Körpern gefahrlos frei machen und die Choreographie mit einem geradezu infantilen Erlebnishunger aufnehmen kann. Vor- und Nachspiel des Stücks findet dann loungeartig, bei Kaffee und Schokolade statt. “Secret Service verweigert die Simulation jeglicher Bedeutung”, heißt es. Es bleiben also auch Fragen offen, wie es sich für einen guten Geheimdienst gehört.
Sex auf der Haut, TAZ Hamburg, 21.11.02, CHRISTIAN T. SCHÖN
Felix Ruckert bringt seine echt fesselnde Choreografie “Secret Service” nach Hamburg Die Kunst, die “vierte Wand” im Theater zu durchbrechen – jene von der Bühne zum Zuschauerraum -, hat Felix Ruckert in den achtziger Jahren bei Pina Bausch gelernt. Seither forscht der Berliner Choreograf mit seinen Tänzern so radikal und konsequent wie derzeit kein anderer seines Fachs im Grenzbereich zwischen Darstellern und Publikum. “Keine Kunst. Kein Geschwätz. Dieses Stück wird Sie berühren”, verspricht Ruckert (43) bei seiner jüngsten Produktion “Secret Service”, mit der er in der kommenden Woche im Rahmen der Reihe “Reiß mich auf!” auf Kampnagel gastiert. Eine pure sinnliche Verführung mit Risikofaktor stellt dieses “Leiblabor” dar. Denn welche Lust und Leidenschaft der Zuschauer da an sich auch entdecken mag: Letztlich beinhaltet die jeweilige Erfahrung immer eine Begegnung mit sich selbst. Vom Zuschauer kann man streng genommen allerdings nicht sprechen. Denn hier wird er mit verbundenen Augen selbst zum Tänzer. Zurückgeworfen auf das eigene Bewegungsempfinden, den Geruchs-, Hör- und Tastsinn, begibt er sich vertrauensvoll in eine anonyme Erlebniswelt von Händen und Körpern, die ihn berühren, führen, packen und hoch in die Lüfte heben. Es sind Ur-Erfahrungen von Bewegung, die man hier wiederentdecken kann, je nachdem, wie weit man sich auf dieses Spiel einlässt und dessen Verlauf mitsteuert. Intimität, Sinnlichkeit und ein starkes erotisches Moment bestimmen das tänzerische Experimentierfeld des Felix Ruckert, seit er mit “Hautnah!” 1995 seinen Durchbruch als Choreograf hatte. In “Hautnah!”, damals der Geheimtipp des Berliner Tanzsommers, tanzte auf engem Raum jeweils ein Tänzer für nur einen Zuschauer. Von den Berliner Studios Dock 11 am Prenzlauer Berg, wo bis heute die Arbeitsbasis von Ruckerts Compagnie ist, startete der “Tanz im Separee” seinen Erfolgszug um die ganze Welt. Brisant war an dieser Inszenierung vor allem, dass der Preis für die Darbietung zuvor zwischen Darsteller und Zuschauer ausgehandelt und bar auf die Hand bezahlt wurde. Der provokante Zahlungsmodus war anfangs jedoch weniger Konzept als bittere Notwendigkeit: Das in direktem Tausch verdiente Geld stellte für die Tänzer in dieser No-Budget-Produktion die einzige Gage dar.  Mittlerweile gilt Felix Ruckert als einer der interessantesten Choreografen in Deutschland. In “Ring”, seinem zweiten großen Erfolg, verwickelt ein Kreis von Tänzern einen Kreis von “Zuschauern” in einen rituellen Reigen. “Secret Service” entführt den Besucher auf eine ganz individuelle Reise, provoziert zudem die Lust auf Berührung bis hin zum Schmerz. Denn die Inszenierung operiert auf zwei Stufen. Wer sich auf Stufe zwei begibt, bekommt zusätzlich die Hände gefesselt. Schmerzreize werden gezielt und wohl dosiert ausgeteilt. Für Ruckert wird damit der Zuschauer selbst zum “Ort der Kunst”. Auch wenn der Vergleich mit S/M-Szenarien nahe liegt, werden Menschen mit entsprechender Neigung, die sich hier ein vergleichsweise preisgünstiges Vergnügen ausrechnen, wohl kaum auf ihre Kosten kommen. Denn im Vordergrund von Ruckerts radikaler Neubestimmung der Beziehung zwischen Performer und Publikum steht nach wie vor das Experiment, die ästhetischen Konventionen im Tanz intelligent herauszufordern. Und trotz schützender Anonymität (Karten gibt es nur an der Abendkasse), stellt kaum ein Theaterabend den kommunikativen Aspekt stärker in den Mittelpunkt. Zentrale Anlaufstelle ist die Bar. Dort zieht man eine Nummer und wartet, bis man an der Reihe ist.
Als Zuschauer kommt hier keiner davon, Die Welt, Feuilleton Hamburg, 16.11.02, IRMELA KAESTNER
Sex und Sinnlichkeit und irgendwie auch Tanz: In Felix Ruckerts neuem Stück “Secret Service” im Dock 11 ist man als “Zuschauer” mit verbundenen Augen, gefesselten Händen und entblößtem Körper wesentlicher Teil der Aufführung Es fängt alles ganz lustig an: Im Dock-11-Café hängt an der Wand eine Rolle mit Wartenummern, wie beim Arbeitsamt. Davon zieht man eine und wartet. Derweil trinkt man Kaffee, Wein, Bier – und blättert im “Lexikon des Sadomasochismus”. Wenn die Nummer auf der über der Eingangstür hängenden Leuchtanzeige erscheint, kauft man sich ein Ticket. Dann geht man über den Hof, in die Tanzhalle. So weit, so gut. Der “Vorspann” zu Felix Ruckerts neuem Stück “Secret Service” ist sehr sacht. Man liest zwar im Programmzettel, dass es um verbundene Augen, gefesselte Hände und entblößte Körper gehen wird, um die eigenen Augen, Hände und Körper. Doch man begreift noch nicht die sinnliche Wucht des Ruckertschen “Mitmachtheaters”, das einem unter die Haut fahren wird. Mit der gewohnten Zurückgelehntheit des Zuschauers ist es gänzlich vorbei. Man agiert selbst, unwissend, halb bewusst, sicher seiner sonstigen Passivität nicht mehr gewiss. Und fühlt sich doch auch sicher mit den verbundenen Augen, in einer intimen Situation, die kaum an Theater erinnert und keine anderen Zuschauer erlaubt. Ruckert nennt seine Arbeit selbst “Leiblabor”, er will es als “interaktives Tanzstück” verstehen, “dessen Gelingen auf gegenseitiges Vertrauen angewiesen ist.” Deshalb soll man die auf den Flyer gedruckten “Regeln” befolgen: sich die Augenbinde anlegen lassen, sich von den Tänzern führen lassen. Falls es zu viel wird, darf man ein Zeichen geben, und die Show bricht ab. Das ähnelt einem Sadomaso-Setting, bei dem die Beteiligten sich über die Grenzen des Erlaubten von einem Moment auf den anderen verständigen. Bei Felix Ruckert gibt es diese Lust an Grenzverschiebungen, wenn er mit Sexualität im öffentlichen Raum arbeitet. Ob die dramatisierten “Situationen” seiner Stücke die der Kunst anhängige Grenze von Simulation und Inszenierung tatsächlich überschreiten, sei dahingestellt. Zumindest wagen der Choreograf und seine hart arbeitende Compagnie – drei bis vier Stunden hintereinander sind die Tänzer mit der Performance beschäftigt einen Versuch, etwas “geschehen” zu lassen: Sinnlichkeit, Sex, Spiel, Brutalität. Und der Zuschauer ist, mehr noch als bei Ruckerts vorigen Stücken “Ring” und “deluxe joy pilot”, das Versuchsobjekt. Was passiert nun in “Secret Service”? Das kann ich nur beschreiben: Ich gehe in die Vorführhalle, allein, und ziehe Schuhe und Strümpfe aus. Eine schöne Schwarzhaarige fragt mich, ob es mir gut geht und ich mit den Regeln einverstanden bin. Ich sage ja und bekomme die Augenbinde. Man bringt mich irgendwo “hinein”. Ich spüre die Berührungen fremder Hände und Körper, die sich an mir reiben, mich drehen, mich führen, mich zwicken,schubsen und streicheln. Jemand rennt und hopst mit mir, hebt mich hoch, schlenkert mich durch die Luft. Bevor ich falle, fängt man mich. Es tut nicht weh, es kitzelt. Die Tänzer keuchen, ich rieche ihren Schweiß. Jemand legt meine Hand auf seine feuchte Glatze. Nach der Pause dann “Stufe 2″. Die Schwarzhaarige legt mir Lederarmbänder an, verbindet mir wieder die Augen. Drinnen, in der “Moshpit”, ziehen fremde Hände mir Hemd und Hose aus, ich stehe im Slip da. Jemand kitzelt und zwickt mich, ich trete ein bisschen zurück, der Peiniger lacht. Dann fixiert man meine Hände an Ketten, schlägt mich mit einem Wedel auf den Hintern. Ich drehe mich, versuche auszuweichen. So wird es doch noch irgendwie Tanz. Ein Mann, den ich nicht sehen kann, stöhnt laut auf unter den Schlägen. Ein Tänzer drückt mein Gesicht an seine nackte Brust und sagt, “los, beiß rein!”. Ich beiße. Irgendwann ist Schluss, dann liege ich auf einer Couch im Vorraum. Die Schwarzhaarige steckt mir ein Stück Schokolade in den Mund.
Im Leiblabor, TAZ Berlin, 01.02.02, JANA SITTNICK
Beim “Secret Service” im Dock 11 muss man sich schon dem Führungspersonal anvertrauen können Das ist nichts für Menschen, die beim kulturellen Ausgang einen panischen Schrecken vor allen Mitmachaktionen haben. Keine Chance, sich einfach nur hinter dem Rücken des Publikums zu verstecken. Hier muss man sich fallen lassen können. Die Bereitschaft mitbringen, sich anderen Menschen anzuvertrauen. So wie die Stagediver sich ohne Scheu in die wogende Masse vor der Bühne werfen. Also hautnah was erleben, ganz ohne Distanz, das ist der “Secret Service” im Dock 11, bei dem die Tanztruppe von Felix Ruckert jeglicher Simulation von Bedeutung aus dem Weg gehen will und sich stattdessen auf das konkrete physische Wahrnehmen beschränkt. Was für den Gast erst einmal heißt, dass er mit verbunden Augen seinen Körper den Tänzern ausliefert. Der wird bewegt, geführt. Verführt. In einer zweiten Stufe wird der Handlungsspielraum weiter eingeschränkt: Mit gefesselten Händen darf man auf berührende Sinneseindrücke zwischen Lust und Schmerz warten. Das Versuchsfeld kann allerdings jederzeit verlassen werden. Bevor es wirklich wehtut
Eine Form von Gruppentherapie?, TAZ Berlin, 29.01.02

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