Szenische Lesereihe von August bis November 2005 Literatur in Berlin nach 1945 bis heute
„Erzähl mir nichts von der Wirklichkeit. Ich seh die Brandmauer hoch. Ich seh die Amsel da oben. Sie singt. Ich hör’s nicht, die Autos sind zu laut. Aber ich seh es. Sie bewegt den Schnabel. Und jedesmal hab ich das Amsellied wieder im Kopf. Jetzt hör ich’s. Ich hör es, weil ich es sehe. Die Wirklichkeit? Ich sag dir, das ist ein Wunder.”
(Lindy zu Ernst, aus: Der Schattenfotograf, Wolfdietrich Schnurre, 1981)
3 Schauspieler lesen Literatur aus Berlin von 45 bis heute. mit Malah Helman, Patrick Hanbaba, Sebastian Walch Konzept und Einrichtung: Malah Helman in Kooperation mit dem Museumspädagogischen Dienst Berlin Den Anlaß zur Lesereihe bildet das Themenjahr der Berliner Museen „Zwischen Krieg und Frieden“. Alle ausgewählten Geschichten und Passagen spielen in Berlin und spüren den verschiedenen Stimmungen von Vergangenheit und Gegenwart, von Stadt- und Menschenbildern nach. Die Lesereihe beleuchtet streiflichtartig folgende Abschnitte: 1945 und danach / Die langen Sechziger Jahre / ZeitWende / Jetzt. Die literarischen Texte werden „in Szene“gesetzt, d.h. einzelne Stränge, Figuren und Handlungen auf verschiedene Stimmen verteilt und eine Art Chor der Figuren und Vielstimmigkeit der Themen entsteht. Projects-plays-productions sind diesmal ein 3köpfiges Ensemble und begeben sich mit einer weiblichen und zwei männlichen Stimmen auf eine Spurensuche zwischen Nachkriegszeit und Heute. Die Lesereihe eröffnen Texte, die direkt nach Kriegsende entstanden sind. Mit expressionistisch-dramatischem Erzählstil werden die Schrecken des Krieges und seine Nachwehen deutlich. Kann das Leben weitergehen? In den Geschichten, die direkt nach Kriegsende entstanden sind, scheint ein Weiterleben unmöglich. Hingegen arrangieren sich die Figuren in Johannes Mario Simmels’ Wirtschaftswunderroman “Hurra wir leben noch” schnell mit dem Umständen zu ihren jeweiligen Gunsten. Die Passagen von Erich Wildberger und Dieter Meichsner erzählen von den politischen Veränderungen, aber auch von privaten Sehnsüchten. Wie das ist, wenn Vergangenes auf Gegenwärtiges trifft, verhandelt die Geschichte des Exil-Berliners Ephraim, der nach Berlin zurückkehrt, sich aber keinerlei Emotionen gestattet, sondern sich auf den Beobachterposten zurückgezogen hat. In den Erzählungen von Christoph Meckel (Der Löwe), Johanna Moosdorf (Gespräch ohne Partner) kündigen sich in Sujet und Stil die “langen 60iger Jahre” an. Im zweiten Teil „Die langen sechziger Jahre“ kehrt der Alltag zurück, Westalltag-Ostalltag. Essen um zu Vergessen, doch die Schatten der Vergangenheit bleiben. Ob in der zwanghaften Sammelleidenschaft von Dingen des Beamten Alfred Dorn, dessen Kindheit unter dem Nationalsozialismus buchstäblich vernichtet wurde (Martin Walser, Die Verteidigung der Kindheit), dem klar an alten Hierarchien ausgerichteten Verhältnis zwischen dem (SED)Mitarbeiters Kunze (Oben) und seinem Fahrer Hinze (Unten), der Kunze sogar seine Frau abtritt (Volker Braun, Der Hinze-Kunze-Roman). Oder der Auseinandersetzung von Hans mit Vergangenheit, Jetzt und Identität als er entdeckt, daß sein Vater im Ferienhäuschen einen vermeintlichen KZ Aufseher gefangen hält (Jurek Becker, Bronsteins Kinder). In “ZeitWende” geht es um Veränderungen privater, gesellschaftlicher und politischer Natur. Die Lesung beginnt mit “Flugasche” von Monika Maron. Die Protagonistin Josefa Nadler setzt sich mit den politischen Strukturen der DDR und der Beziehung zwischen männlich und weiblich auseinander. Ingeborg Drewitz’ Roman “Eingeschlossen” behandelt den Verlust der Utopie. Die beiden Protagonisten können ihre politischen Utopien von 1968 nicht verwirklichen und kommen in der Psychiatrie. In Irmtraud Morgners’ Montageroman “Leben und Abenteuer der Trobadora Beatriz nach Zeugnissen ihrer Spielfrau Laura” geht es um die Möglichkeiten der Veränderung der Geschlechterbilder. Valeska verwandelt sich in einen Mann und erlebt nun die Welt, ähnlich dem Theiresias aus zwei Perspektiven. Im Westen leben/suchen mittlerweile Frauen In Frauen-WGs und Frauencafes ganz offen ihre Liebe zueinander (Elisabeth Plessen, Orlanda). Dann geht es auch um das Lebensgefühl der Stadt in den 80ern im Dazwischen von Apathie und Punk. Der Arbeitslose (Frank Werner, Das Innen und Außen) erlebt die Erstarrung seiner und der Umwelt. In den sur-realen Texten von Harry Hass (Der Komplize) und Rainer Schedlinski (berlin simultan) geht es um das, was die Stadt mit einem macht, wenn man ihr verfällt. Jurek Beckers’ Roman (Amanda herzlos) dreht sich um eine junge Frau in Ostberlin vor der Wende. Amanda wird in den Beschreibungen ihrer Ehemänner beschrieben: ihr Leben und ihre Beziehungen, berichtet durch den Zeitungsmann, Mitläufer und Frauenhelden Ludwig Weniger, dem systemkritischen Schriftsteller Fritz Hetmann, der die Beziehung mit einer Novelle umschreibt, und durch den Rundfunkjournalisten Stanislaus Doll aus Westberlin, der ihr die Ausreise ermöglicht. Die Versuche einer Ordnung vor der Auflösung und um Beginn und Bedeutung der Wende in West und Ost beschreiben die beiden letzten Texte. Herr Lehmann (Sven Regener) lebt im Kiez in Kreuzberg, ein stilles, abgeschlossenes und beschauliches Leben zwischen Kneipe und Schwimmbad, das kaum über den Bezirk von SO36 hinausgeht, und nur von gelegentlichen, gewissermaßen durch Verwandtenbesuch erzwungen Ausflügen an den Ku’damm oder nach Ostberlin unterbrochen wird. Die deutsche Geschichte muß umgeschreiben werden: Klaus Uhltzscht hat die Berliner Mauer zum Einsturz gebracht. Klaus berichtet von seinem Leben in der ehemaligen DDR und dem Mauerfall (Thomas Brussig, Helden wie wir). In “Jetzt” geht es um Vereinzelung, das Gefühl des “in-die-Welt-geworfen-sein”. Zukunftsangst und die Frage nach Freiheit und nach Glück sind die Kernthemen der Geschichten. Es auch wird des öfteren von “Sex” die Rede sein oder auch von “Kunst”, zwischen diesen beiden Polen, die auch miteinander verschmelzen können (wie in Feridun Zaimoglus’ “German Amok”) scheint sich modernes Leben schwerpunktmässig abzuspielen. Lisa aus dem Ostteil der Stadt, möchte endlich am Konsum teilhaben und arbeitet dafür als Prostituierte (Richard Wagner, Lisas geheimes Buch); der Gebrauchwagenhändler Willenbrock fühlt, wie nach einem Überfall, die Sicherheiten des zivilisierten Lebens zerbröckeln (Christoph Hein, Willenbrock); Rögglas’ Figuren leben in der Spannung zwischen persönlicher Verzweiflung und dem Gute-Laune-sein-müssen (Kathrin Röggla, Irres Wetter). Wer sind wir und wo befinden wir uns jetzt?- am Ende oder am Anfang einer Epoche, im Krieg oder Frieden oder immer noch dazwischen? Die ausgewählten Texte geben in konzentrierter literarischer Form einen Einblick in gesellschaftliche Phänomene am Beispiel eines Ortes, der Stadt Berlin, die aufgrund ihrer Geschichte dazu besonders prädestiniert ist. „Ich muß sagen, daß eigentlich alle Texte, die wir lesen, sehr schön sind. Einige Schriftsteller waren eine echte Entdeckung für mich, wie zum Beispiel Martin Walsers’ „Die Verteidigung der Kindheit“ mit seinem traurig- komischen und doch sehr deutschen Protagonisten Alfred Dorn, Irmtraud Morgner, die mit ihrem realistisch-phantastischen Werk für mich eine Art weiblicher „Murakami des Ostens“ ist. Oder heute eher unbekannte Autoren aus den 80ern mit Texten zwischen Apathie und Chaos, Anpassung und Punk. Und natürlich „Flugasche von Monika Maron, ein sehr einfühlsamer Roman über das Sehnsüchte, Vorstellungen und das Verfließen von Ideen. Manche Geschichten haben sich auch erst nach und nach entschlüsselt. In „Willenbrock“ von Christoph Hein geht es subtil u.a. auch darum, wie sich eine Gesellschaft verändert und vielleicht sogar auflöst. Spannend war auch die Wiederbegegnung mit Autoren, die man noch aus Schulbüchern kannte, wie z.B. die Geschichten von Wolfdietrich Schnurre. Die Lesereihe bietet die einmalige Gelegenheit in konzentrierter und literarischer Form etwas über verschiedenen Dimensionen und Facetten der Nachkriegszeit bis heute zu erfahren und bekannte und unbekannte Autoren zu hören.“ (Malah Helman) Autoren: Alfred Andersch, Jurek Becker, Volker Braun, Thomas Brussig, Ingeborg Drewitz, Tanja Dückers, Christoph Hein, Judith Hermann, Günter Kunert, Monika Maron, Dieter Meichsner, Ulrich Plenzdorf, Kathrin Röggla, Wolfdietrich Schnurre, Johannes Maria Simmel, Richard Wagner, Martin Walser, Erich Wildberger, Feridun Zaimoglu, u.a.
Hörbeispiel: Flugasche, Monika Maron (1981), 01:06 min
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Termine
- I Am Nullpunkt: 1945 und danach Samstag, 27. August 2005 um 19.30 Uhr im Museum Europäischer Kulturen
- II Die langen sechziger Jahre Sonntag, 18. September 2005 um 11 Uhr im Haus der Wannsee-Konferenz
- III ZeitWende Sonntag, 23. Oktober 2005 um 11.30 Uhr im Museum Europäischer Kulturen
- IV Jetzt Sonntag, 13. November 2005 um 16 Uhr im Mitte Museum
Haus der Wannsee- Konferenz
