Andeutungen über die Liebe ist eine theatrale Performance mit zwei Schauspielerinnen, einem Sänger, einem Spielmann und einer Spieluhr.
nach Texten von Georges Sand und Alfred de Musset, Friedrich Hölderlin
und Liedern der deutschen Romantik
In Andeutungen über die Liebe treffen drei fiktive Figuren in der Mitte des 19. Jahrhunderts an einem ungenannten Ortes aufeinander. Die spannungsreiche Konstellation „Frau, Mann, Frau“ treibt die Handlung voran. Ein Spielmann sorgt mit seiner Spieluhr für musikalische Untermalung. Eingebettet in die Landschaft, mit dieser und in ihr spielend, eröffnen sich verschiedene Projektionsflächen und Blickwinkel und transformieren die Welt, wie Heine es beschrieb, in ein Gemälde, in dem der Betrachter, selbst darin gefangen, “hie und da von den Figuren desselben angelächelt” wird.
Aus Texten und Zitaten der französischen spätromantischen Literatur und Liedern der deutschen Romantik, entsteht, monologisch und dialogisch, eine Collage aus Sprache, Gesten, Blicken und Klängen um die Formen der Liebe: Liebe als Sehnsucht und Hingabe, die Reinheit der Liebe, ihre Nichterfüllung und Askese und als Gegenentwurf, Liebe als Spiel, als Lusterfüllung, als Abgrund. Die beiden großen Liebesentwürfe und Antipoden, die sich dennoch anziehen und gegenseitig implizieren, stellen das Material der Performance. Für Georges Sand, deren 200. Geburtstag 2004 begangen wird, und Alfred de Musset stellt die Liebe eines der zentralen Themen in ihrem Werk. Beide gelten als eines der großen, romantischen Liebespaare.
“Wir haben uns die Stilarten aller Jahrhunderte angeeignet, nur von unserem eigenen Jahrhundert haben wir nichts, wir nehmen alles, was wir finden- das eine wegen seiner Schönheit, das andere wegen seiner Bequemlichkeit; dieses, weil es altertümlich ist, jenes gar, weil es häßlich ist. Und so leben wir nur von lauter Stücken und Fetzen, wie wenn das Ende der Welt nahe wäre. Die Dichter schildern die Liebe, wie die Bildhauer uns die Schönheit darstellen, wie die Musiker die Melodie schaffen: mit glühender Phantasie und mit feinstem Verständnis tragen sie die reinsten Elemente des Lebens zusammen, lösen sie von der menschlichen Natur alle jene Elemente, die sie erniedrigen und schaffen jene geheimnisvollen Namen, die unter den Menschen durch Jahrtausende hindurch von Mund zu Munde gehen.”
Alfred de Musset, Bekenntnisse eines Kindes seiner Zeit, 1836
“Andeutungen über die Liebe” wurde für die „Lange Nacht der Museen“ in Berlin für den Schloßpark Glienicke im August 2004 konzipiert. Dem Prinzip der Spieluhr folgt auch die Struktur des Stückes, der Anfang als Ende wird zum neuen Beginn. Die Struktur der Performance erlaubt es, dem Zuschauer jederzeit dem Verlauf der Handlung zu folgen. Die Performance kann daher an verschiedenen Stellen beliebig wiederholt werden. Ein Spielzyklus dauert ca. 20 Minuten. Die Performance ist so angelegt, daß sie an unterschiedlichen Orten , sowohl drinnen, als auch draußen, und in unterschiedlichen Arrangements (als Picknick, Installation oder Zwischengang bei einem Souper) spielen kann. Je nach Örtlichkeit und Tageszeit können Beleuchtung und Mikroports eingesetzt werden. Das Stück kann auf Deutsch oder Französisch spielen. Das Informationsmaterial ist auf Deutsch und Französisch erhältlich.
Zum Fragment und zur Poesie als der Romantik ureigene Form
Die Romantik weist in ihren Themen und ihrem Denken eine hohe Aktualität auf. Sie bewegte sich zwischen Aufklärung und Idealismus, neuem Wissen über die Natur und Gesellschaft, Ästhetizismus und Lust an intellektuellen Abenteuern, ohne ein abgeschlossenes System zu suchen. Daher war das Fragment die adäquate Ausdrucks – und Kunstform. Die eigentliche Heimat der Romantik sei die Philosophie, schreibt Schlegel. Die Ausdruckform sei poetisch, Ziel sei es das Leben und die Gesellschaft poetisch zu machen. Novalis versuchte, aus dem Romantischen eine regelrechte Tätigkeit des „Romantisierens“ zu entwickeln, eine Art Potenzierung: „Indem ich dem Gemeinen einen hohen Sinn, dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehen, dem Bekannten die Würde des Unbekannten, dem Endlichen einen unendlichen Schein gebe, so romantisiere ich.“
Gefühle
Die Romantik ist vieldeutig, ist intellektuell und irrational, Wissen und Glauben, Nüchternheit und Schwärmerei. Die Romantik ist die Zeit vor der großen industriellen Revolution, die Zeit vor dem 20. Jahrhundert, eine Zeit, die das Denken und Empfinden der Gegenwart vorbereitete.
In der Romantik entwickelt sich der Roman und wird zur besonderen Ausdrucksform der Romantik. Der Roman beinhaltet die Hingabe an widersprüchliche Gefühle wie Glaube und Zweifel, Protest und Melancholie, Hoffnung und Enttäuschung, Schwärmerei für ein Leben im Universum gemischt mit der Angst vor dem Abgrund der Seele. Gemeint war der Widerspruch zwischen heißer und hingebungsvoller Liebe und der Unfähigkeit, sie in sich auszuhalten. Am Ende standen Ennui, Trauer, Todeswünsche, also der ganze Inhalt dessen, was Jean Paul Anfang der zwanziger Jahre “Weltschmerz” taufte. Zur sakralisierenden und ewigen Interpretation irdischer Liebe gesellten sich mit wachsender Einsicht in das Ich zunehmend Erkenntnisse von der Zwanghaftigkeit, ja Dämonie der Liebe: bisher unbeachtete Wirksamkeiten der Sexualität wurden artikuliert. Der Gegensatz von Sinnenliebe und geistig-seelischer Liebe führt die romantische Lyrik in einen kaum lösbaren Konflikt. Tatsächlich kennzeichnen die „romantischen“ Helden Reflexivität, die ihre Spontaneität des Empfindens beeinträchtigt und nicht selten in Gefühllosigkeit resultiert. Der ursprünglich Liebende wird zum zynischen Verführer, weil er Liebe nur noch zu spielen, nicht mehr zu empfinden vermag. Zur Romantik gehört auch die Nachtseite, das negative und schwarze und unaufgelöste.
Die Natur
Neu ist auch der „romantische“ Blick auf die Natur. Die ästhetischen Qualitäten von Schönheit und Erhabenheit setzen die Natur in Beziehung zum über sich reflektierenden philosophischen Menschen. Schönheit und Erhabenheit manifestieren sich für ihn vor allem in der Spannung zwischen der Unendlichkeit- der Ewigkeit- und dem Ablauf der Zeit, den Tageszeiten von Morgen bis Abend, die als Übergänge vom Tag zur Nacht und von der Nacht zum Tag Zeit und Vergänglichkeit besonders spürbar machen. Die äußere Natur wird zum Spiegel innerer Vorgänge: Gebirge, Hochgebirge, Wald, Tal, Schlucht, Abgrund, Höhle, Garten, Park, Insel, Fluß, Meer. Die romantischen Figuren wandern durch die Welt, krank am Herzen, voll enttäuschter Leidenschaften, freudloser Träume, ruheloser als die Schwalbe, von Schmerz und Trauer bewegt, dunkle Wanderer und Ausgestoßene ihrer eigenen Seele.
nach Gerhard, Schulz, Romantik- Geschichte und Begriff, München 1996
Idee, Textcollage und Ausführung: Inge Blau, Malah Helman
Arrangement für die Spieluhr: Franz Tröger
mit freundlicher Unterstützung des Museumspädagogischen Dienstes Berlin,
Wolf Kühnelt
Stiftung Preussischer Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg
Schloßpark Glienicke während der Langen Nacht der Museen 2004
Madame: Inge Blau
Mademoiselle: Malah Helman
Sänger: Marcel Sindermann
Spielmann: Franz Tröger
Assistenz: Jennifer Jefka
Schlagworte: Romantik, Schloss Glienicke, Theatrale performance